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Berufshaftpflicht: Die passende Deckungssumme für Architekten und Ingenieure

Der Entwurf steht, die ersten Visualisierungen machen die Runde und plötzlich ist nicht mehr nur von einem neuen Gebäude die Rede. Es soll ein regelrechtes Wahrzeichen werden, Besucher anziehen und vielleicht sogar einem ganzen Stadtteil neuen Aufschwung geben. Mit solchen Erwartungen wächst allerdings nicht nur das Prestige eines Projekts. Auch die Anforderungen steigen. Zusätzliche Nutzungen kommen hinzu, Termine werden sogar politisch wichtig, Sonderwünsche landen auf dem Tisch und aus einer frühen Kostenschätzung wird schnell eine weitaus höhere Zahl, an der das Projekt öffentlich gemessen wird. Für Architekten und Ingenieure kann das unangenehm werden, wenn sich Planung und Erwartungshaltung weiterentwickeln, der ursprüngliche Kostenrahmen aber unverändert bestehen bleibt.

Der berühmte Bilbao-Effekt zeigt, welches Potenzial außergewöhnliche Architektur entfalten kann. Beispiele wie die Elbphilharmonie oder das Sydney Opera House präsentieren allerdings auch die andere Seite: Ein später erfolgreiches Bauwerk schützt Planer nicht vor den Risiken, die während Planung und Bau entstehen können.

Der Bilbao-Effekt: Titelbild
Julia Reusch
Julia Reusch

Spektakuläre Architektur allein reicht nicht aus

Der Begriff „Bilbao-Effekt“ geht auf das 1997 eröffnete Guggenheim-Museum von Frank Gehry zurück. Das spektakuläre Gebäude entwickelte sich schnell zum Wahrzeichen der nordspanischen Stadt und lockte Besucher aus aller Welt an. Daraus entstand eine vielversprechende Vorstellung: Baue etwas Außergewöhnliches und wirtschaftlicher Aufschwung, Tourismus und internationale Aufmerksamkeit folgen beinahe automatisch. Ganz so einfach war es in Bilbao allerdings nicht. Das Museum entstand nicht als einzelnes Prestigebauwerk in einer ansonsten unveränderten Stadt. Bilbao befand sich bereits mitten in einem umfassenden Umbau. Ehemalige Industrieflächen wurden neu entwickelt, der Flussraum aufgewertet, Verkehrsverbindungen optimiert und neue öffentliche Räume geschaffen. Das Guggenheim wurde dann zwar zum weithin sichtbaren Symbol dieser Entwicklung, war aber bei Weitem nicht der einzige Auslöser.

Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied für heutige Prestigeprojekte dieser Größenordnung. Ein außergewöhnliches Gebäude kann Aufmerksamkeit auf sich ziehen und vorhandene Entwicklungen beschleunigen. Fehlen dagegen Nachfrage, Infrastruktur, ein durchdachtes Nutzungskonzept oder die Finanzierung des späteren Betriebs, kann selbst die spektakulärste Architektur diese Lücken kaum ausgleichen.

Der eigentliche Bilbao-Effekt entsteht deshalb nicht allein durch Architektur. Er entsteht dort, wo ein spannendes, durchdachtes Gebäude auf ein Umfeld trifft, das seine Wirkung aufnehmen und langfristig nutzen kann.

Wenn aus Prestige eine Budgetfalle wird

Je größer die öffentliche Aufmerksamkeit, desto verlockender ist es, so früh wie möglich mit festen Zahlen und Terminen zu arbeiten. Genau darin liegt bei außergewöhnlichen Bauprojekten aber ein erhebliches Risiko. Zu einem Zeitpunkt, an dem zahlreiche Planungsdetails noch nicht festgelegt sind, entsteht bereits ein Kostenrahmen, an dem das Projekt später gemessen wird. Und bereits ein kurzer Blick auf bekannte Großprojekte zeigt, wie weit frühe Erwartungen und spätere Realität auseinanderliegen können:

Projekt Frühe Kostenerwartung Spätere Kosten Auffälligkeiten im Projektverlauf
Sydney Opera House ca. 7 Mio. AUD ca. 102 Mio. AUD Baubeginn bei noch nicht ausreichend ausgereifter Planung, technische Herausforderungen und zahlreiche Planänderungen
Elbphilharmonie Hamburg 77 Mio. Euro städtischer Anteil 789 Mio. Euro städtischer Anteil frühe Ausschreibung, unvollständige Planung, unterschätzte Kosten und schwierige Verantwortungsstrukturen
Flughafen BER ca. 2 Mrd. Euro mehr als 6 Mrd. Euro Baukosten Planungsfehler, technische Mängel, umfangreiche Nachbesserungen und wiederholt verschobene Eröffnung

Gerade beim BER wird deutlich, wie stark Kosten und Termine miteinander zusammenhängen können. Bei Baubeginn waren rund zwei Milliarden Euro vorgesehen, eröffnet werden sollte der Flughafen ursprünglich 2011. Tatsächlich ging der BER erst am 31. Oktober 2020 in Betrieb. Je nach Abgrenzung lagen die später ausgewiesenen Baukosten bei mehr als 6 Milliarden Euro. Allein die jahrelange Verzögerung verursachte zusätzliche Aufwendungen für Projektsteuerung, Objektüberwachung, Sicherheitsdienste und den Weiterbetrieb der Baustelle.

Sydney und Hamburg zeigen ein ähnliches Grundproblem, wenn auch aus einer etwas anderen Perspektive. Beim Sydney Opera House wurde mit dem Bau begonnen, obwohl zentrale technische Lösungen noch nicht abschließend entwickelt waren. Im Projektverlauf folgten dann zudem zahlreiche Änderungen. Die Eröffnung erfolgte schließlich 1973 statt wie vorgesehen 1963.

Auch bei der Elbphilharmonie war die politische und finanzielle Erwartung bereits weitgehend gesetzt, während die Planung für eine fundierte Ausschreibung noch nicht alle notwendigen Details berücksichtigt hatte. Später mussten Kosten, Termine und Verantwortlichkeiten mehrfach neu ausgerichtet werden.

Wie weit sich Anspruch und Projektplanung voneinander entfernen können, lässt sich derzeit auch an The Line in Saudi-Arabien beobachten. Vorgesehen ist eine 170 Kilometer lange und 500 Meter hohe lineare Stadt für langfristig bis zu 9 Millionen Einwohner. Inzwischen wird das Projekt stärker in einzelne Phasen unterteilt. Berichte über reduzierte Ausbauziele und erheblich gestiegene Kostenerwartungen zeigen, wie schwierig es ist, Dimension, Finanzierung und Zeitplan eines derart außergewöhnlichen Vorhabens verlässlich festzulegen.

Für Planungsbüros ist deshalb weniger interessant, welches dieser Projekte am Ende wie viel teurer wurde. Wichtiger ist das wiederkehrende Muster dahinter: Je früher ein fester Preis oder Termin zur vermeintlichen Gewissheit wird, desto problematischer können spätere Änderungen werden.

Ein Kostenrahmen ist noch lange keine Kostengarantie

Gerade bei anspruchsvollen Projekten entsteht oftmals bereits in frühen Planungsphasen der Wunsch nach einer verlässlichen Zahl. Auftraggeber benötigen diese für Finanzierungsentscheidungen, Gremien für Freigaben und Projektbeteiligte als Orientierung. Problematisch wird es aber, wenn aus einer frühen Kostenschätzung im weiteren Verlauf stillschweigend eine vermeintliche Kostengarantie wird.

Denn jede Zahl basiert auf einem bestimmten Planungsstand und auf Annahmen. Wie genau ist der Leistungsumfang bereits definiert? Welche technischen Lösungen stehen fest? Welche Preisentwicklung wurde berücksichtigt? Welche Risiken sind noch offen? Und welche Reserve ist für Unvorhergesehenes vorgesehen?

Je früher die Projektphase, desto größer ist naturgemäß die Unsicherheit. Deshalb reicht es nicht aus, nur einen Betrag zu nennen. Ebenso wichtig ist zu dokumentieren, unter welchen Voraussetzungen dieser Betrag gilt.

Bei komplexen Projekten kann es zudem sinnvoll sein, nicht nur mit einem einzigen Wert zu arbeiten. Ergänzend können Bandbreiten oder risikobasierte Szenarien zeigen, wie wahrscheinlich bestimmte Kostenschätzungen tatsächlich sind. In der Projektsteuerung kommen dafür beispielsweise sogenannte P50- oder P80-Werte zum Einsatz: Sie beschreiben vereinfacht, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Kostenniveau eingehalten wird.

Änderungen brauchen feste Regeln

Kaum ein komplexes Projekt bleibt vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung unverändert. Nutzerwünsche ändern sich, Behörden stellen zusätzliche Anforderungen, technische Lösungen müssen vielleicht angepasst werden oder der Auftraggeber entscheidet sich für weitere Funktionen. Das Problem ist deshalb nicht die Änderung an sich. Problematisch wird es, wenn später niemand mehr genau sagen kann, wann eine Änderung entstanden ist, wer sie beauftragt hat und welche Folgen damit verbunden waren.

Gerade bei größeren Projekten sollte für wesentliche Änderungen deshalb ein fester Ablauf und ein Mindestmaß an Dokumentation gelten:

  • Anlass und Umfang: Was soll geändert werden und warum?
  • Kosten und Honorar: Welche Mehr- oder Minderkosten entstehen?
  • Termin: Welche Auswirkungen gibt es auf Planung und Ausführung?
  • Verantwortung: Wer hat die Änderung veranlasst und wer muss reagieren?
  • Freigabe: Wer darf die Änderung verbindlich genehmigen?

Das klingt zwar nach zusätzlicher Bürokratie, im Streitfall können aber genau diese Informationen zeigen, welche Leistung ursprünglich vereinbart war und wodurch sich Planung, Honorar oder Kosten später verändert haben. Besonders wichtig wird das bei vielen kleinen Anpassungen während des Projektverlaufs. Ein einzelner Sonderwunsch fällt vielleicht kaum ins Gewicht. Zehn oder zwanzig solcher Änderungen können Budget, Termine und Planungsaufwand aber bereits erheblich beeinflussen.

Deshalb sollte auch das Verfahren selbst in den Vertrag. Auftraggeber und Planungsbüro legen idealerweise fest, wer Änderungen beauftragen darf, wie deren Auswirkungen ermittelt werden und ab welchem Punkt eine neue Freigabe erforderlich ist. Auch Schnittstellen zu anderen Planern und Zuständigkeiten bei zusätzlichen Leistungen sollten möglichst eindeutig beschrieben sein. Ein vereinbarter Pauschal- oder Festpreis macht nachträgliche Änderungen nicht automatisch zu kostenlosen Zusatzleistungen.

Haftungsgrenzen müssen zum Projekt passen

Bei einem außergewöhnlich großen oder prestigeträchtigen Projekt steigen nicht automatisch nur das Honorar und die Wirkung nach außen. Mögliche Schadenhöhen können ebenfalls deutlich über dem liegen, was ein Planungsbüro aus dem alltäglichen Projektgeschäft kennt. Umso wichtiger ist es, Haftung und Versicherungsschutz vor Vertragsabschluss gemeinsam zu betrachten.

Eine Haftungsbegrenzung im Vertrag kann dabei sinnvoll sein. Einfach irgendeinen Höchstbetrag festzuschreiben, reicht allerdings nicht aus. Die Grenze sollte zum Auftragsumfang, dem tatsächlichen Risiko und der vorhandenen Berufshaftpflichtversicherung passen. Außerdem gelten rechtliche Grenzen. Eine Haftung für Vorsatz lässt sich beispielsweise nicht im Voraus ausschließen. Bei vorformulierten Vertragsbedingungen unterliegen Haftungsbeschränkungen zusätzlich der AGB-Kontrolle. Für Planungsbüros lohnt sich deshalb vor der Unterschrift ein genauer Blick auf mehrere Punkte:

  1. Welche Leistungen und Verantwortlichkeiten übernimmt das Büro tatsächlich?
  2. Sind Projektsteuerung, Koordination oder besondere Überwachungspflichten enthalten?
  3. Welche Schadenhöhen sind bei diesem Projekt realistisch?
  4. Reichen die vereinbarten Versicherungssummen dafür aus?
  5. Gibt es vertragliche Haftungsregelungen, die über den bestehenden Versicherungsschutz hinausgehen?

Gerade bei großen Projekten kann eine projektbezogene Erhöhung der Deckungssumme sinnvoll oder sogar vom Auftraggeber gefordert sein. Wichtig ist dann, solche Anforderungen nicht erst zu prüfen, wenn der Vertrag bereits unterschrieben oder das Projekt längst angelaufen ist. Eine hohe Haftungsgrenze nützt am Ende nämlich wenig, wenn der Versicherungsvertrag nur einen Teil davon abdeckt.

Prestige braucht Disziplin

Der Bilbao-Effekt zeigt deutlich, welche Kraft außergewöhnliche Architektur entwickeln kann. Er zeigt aber nicht, dass ein spektakulärer Entwurf automatisch zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Projekt führt. Bilbao funktionierte so rentabel, weil Architektur, Stadtentwicklung, Infrastruktur und Nutzung zusammenspielten.

Sydney, Hamburg oder der BER zeigen im Gegensatz dazu, wie teuer es werden kann, wenn politische Erwartungen, Kostenversprechen und die tatsächliche Projektentwicklung auseinanderlaufen. Für Architekten und Ingenieure liegt die wichtigste Konsequenz deshalb weniger in der Frage, wie spektakulär ein Projekt werden soll. Viel wichtiger ist, wie fundiert Leistungsumfang, Kostenrahmen, Änderungen und Verantwortlichkeiten geregelt sind.

Großes Projekt, große Verantwortung – passt deine Versicherung dazu? Prestigeprojekte sind attraktiv, keine Frage. Sie bringen Sichtbarkeit, interessante Honorare und Referenzen, mit denen sich ein Büro über Jahre profilieren kann. Gleichzeitig kann ein einziger Planungs-, Koordinations- oder Dokumentationsfehler Schadenforderungen auslösen, die weit über das übliche Tagesgeschäft hinausgehen.

Bevor du einen solchen Auftrag unterschreibst, lohnt sich deshalb ein Blick auf deine Berufshaftpflicht. Wir prüfen gemeinsam mit dir, ob Deckungssummen, Leistungsumfang und vertragliche Haftungsregelungen zu dem Projekt passen und wo möglicherweise Lücken entstehen. Idealerweise bevor aus einer Vertragsklausel oder zusätzlichen Planungsleistung ein Versicherungsproblem wird.

Du hast ein größeres oder ungewöhnliches Projekt auf dem Tisch? Dann lass uns vor der Unterschrift einen Blick darauf werfen.

FAQ zum Thema "Der Bilbao-Effekt: Zwischen Prestige, Erwartungen und Budgetfallen"

Was versteht man unter dem Bilbao-Effekt?

Der Bilbao-Effekt beschreibt die Vorstellung, dass ein spektakuläres Bauwerk weit über seine eigentliche Nutzung hinaus wirtschaftliche Impulse auslösen kann. Namensgeber ist das 1997 eröffnete Guggenheim-Museum in Bilbao, welches international große Aufmerksamkeit erzeugte und viele Besucher in die Stadt brachte. Der Erfolg lässt sich allerdings nicht allein auf das Gebäude zurückführen. Bilbao investierte parallel in Infrastruktur, Stadtentwicklung, öffentliche Räume und die Aufwertung ehemaliger Industrieflächen – und genau deshalb lässt sich der Effekt nicht einfach so kopieren. Außergewöhnliche Architektur kann zwar bestehende Entwicklungen verstärken, sie ersetzt aber weder ein solides Nutzungskonzept noch eine funktionierende städtebauliche Gesamtstrategie.

Wie lassen sich Kostensteigerungen bei Prestigeprojekten besser begrenzen?

Kostensteigerungen lassen sich nicht vollständig verhindern, aber durchaus kontrollieren. Wichtig ist vor allem, Kostenangaben immer an den jeweiligen Planungsstand zu koppeln. Je früher eine Zahl genannt wird, desto mehr Annahmen und Unsicherheiten stecken darin. Gleichzeitig sollte festgelegt sein, wie mit Änderungen umgegangen wird. Neue Nutzerwünsche, technische Anpassungen oder zusätzliche Anforderungen sollten mit ihren Auswirkungen auf Kosten, Termine und Leistungsumfang dokumentiert und ausdrücklich freigegeben werden. Ebenso wichtig sind ausreichend definierte Schnittstellen und Verantwortlichkeiten. Ein Festpreis oder Kostenrahmen allein schützt nicht vor Mehrkosten, wenn sich die zugrunde liegende Leistung im Projektverlauf verändert.

Wann sollte die Berufshaftpflicht bei einem Großprojekt überprüft werden?

Idealerweise bereits vor der Vertragsunterzeichnung. Bei großen, ungewöhnlichen oder besonders prestigeträchtigen Projekten können sich Schadenpotenziale und Verantwortlichkeiten wesentlich vom täglichen Projektgeschäft eines Planungsbüros unterscheiden. Das gilt etwa bei umfangreichen Koordinationsaufgaben, hohen Baukosten, besonderen Terminanforderungen oder vertraglich vereinbarten Haftungsregelungen. Geprüft werden sollte deshalb nicht nur die Höhe der Deckungssumme, sondern auch, ob die konkret übernommenen Leistungen vom bestehenden Versicherungsschutz erfasst sind.

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